Wie kam es zur Plattform kinderschutzkonzepte.at und warum braucht es eine solche Plattform?

Wie kam es zur Plattform Kinderschutzkonzepte und warum braucht es sie?

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Meine Antwort beginnt mit einem kleinen historischen Exkurs und einem Vergleich zwischen Österreich und dem großen Nachbar Deutschland.

Wie in vielen Dingen, hinkt Österreich hinterher. Leider viel zu oft, in unterschiedlichen Zusammenhängen, ist in unserem Land eine „es wird schon nix passieren-Mentalität“ zu beobachten. Die zahlreichen Altlasten an Missbrauchsfällen, die seit Mitte der 1990iger Jahre an die Öffentlichkeit geschwemmt wurden – kirchliche wie auch weltliche – haben zwar den Blick für strukturelle Defizite und Risiken im Kinderschutz geschärft, aber zu keinen strukturellen Veränderungen auf politischer Ebene geführt. Ja, Vieles hat sich verändert: es wurden Kommissionen gegründet, die Ansprüche auf Entschädigungen prüfen und abwickeln sollten; Schwachstellen offengelegt und Präventionsprogramme entwickelt. Was sich aber hierzulande durchzieht, ist der Ansatz, dass es jeder von Missbrauchsfällen betroffenen Struktur (Kirche, Fremdunterbringung von Kindern in Heimen, Sport, Kunst und Kultur) im Prinzip selbst überlassen blieb und nach wie vor bleibt, wie sie mit dem Problem von strukturellem Kindesmissbrauch umgeht.

 

In Deutschland, das einen ähnlichen, historischen Aufarbeitungsprozess betreffend Kindesmissbrauch zu bewältigen hatte und noch immer hat, fiel positiv auf, wie rasch auf politischer Ebene Maßnahmen ergriffen wurden: es wurde innerhalb kurzer Zeit, nachdem die erste „Welle an alten Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch“ in Institutionen und Gemeinschaften der Öffentlichkeit bekannt wurde, 2012 das Bundeskinderschutzgesetz verabschiedet; es wurde die Stelle eines Bundesbeauftragten betreffend sexuellen Kindesmissbrauch eingerichtet; es wurde eine Verpflichtung zur Konsultation von Fachkräften gesetzlich verankert; es wurde ein Nationaler Aktionsplan zur Bekämpfung des sexuellen Kindesmissbrauchs verabschiedet, für dessen Umsetzung Arbeitsgruppen und Budgetmitteln bereit gestellt wurden – bis heute. Die genannten Eckpfeiler sind längst gesetzlich verankert und entsprechen durchaus einem politisch gewollten und abgestützten „Bundeskinderschutzkonzept“. Das heißt nicht, dass alles in Ordnung wäre – auch dort gibt es immer noch genügend Schwachstellen, vor allem in der Bund-Länder-Kooperation oder was die Zusammenarbeit unterschiedlicher Behörden betrifft. Aber eines wird schon deutlich sichtbar: der politische Wille, es als Staat, als Gesellschaft nicht einfach hinzunehmen, dass leider Kindesmissbrauch strukturell noch immer in unseren Gesellschaften verankert ist und immenses Leid für die Betroffenen sowie großen Schaden an der Gesellschaft anrichtet. 

 

 

ECPAT Österreich hat bereits 2009 für Österreich ein erstes „Mapping“ zu strukturellem Kinderschutz durchgeführt und festgestellt, dass es dazu kaum Bewusstsein und Wissen gab. Wir haben begonnen, innerhalb unserer Mitgliedsorganisationen zu sensibilisieren. In Österreich haben wir von Anfang an stark auf Vernetzung gesetzt – gemeinsam mit anderen Organisationen, welche sich um Anliegen und Wohlergeben von Kindern sowie um Kinderrechte sorgen, kann man wirksam Lobbying betreiben und überzeugen – davon waren wir, von ECPAT, immer überzeugt. Daher sind wir seit vielen Jahren Mitglied im Netzwerk Kinderrechte. Mit dem Bundesverband der Österreichischen Kinderschutzzentren verbindet uns natürlich inhaltlich sehr viel; die Kinderschutzzentren sind ganz nah dran, am Kind – sie versuchen in schwierigsten Situationen Leid zu lindern, Vorfälle professionell aufzuarbeiten, Bezugspersonen zu beraten. Aber auch die Prävention, Leid zu verhindern und Risiken zu minimieren spielen eine wichtige Rolle. Immer wieder haben wir uns über Defizite im Kinderschutz, vor allem im strukturellen Kinderschutz, ausgetauscht. Erste Ideen sind entstanden, ein gemeinsames Projekt vielleicht? Und dann erfuhren wir von einem EU-Call „Embedding Child Safeguarding Policies across all sectors in Society“. Diese Gelegenheit musste ergriffen werden und so wurde der Beschluss gefasst, gemeinsam – ECPAT, Kinderschutzzentren und Netzwerk Kinderrechte –  das EU-Projekt Safe Places einzureichen, um endlich Lücken in Österreich schließen zu können durch unterschiedliche Maßnahmen: Trainingsangebote und Beratung für Organisationen zur Entwicklung und Umsetzung von Kinderschutzkonzepten; fachlicher Austausch mit diversen Berufsgruppen, aber auch auf Behördenebene; Erhebungen durchführen und Expertisen in Auftrag geben; verantwortliche politische Stellen versuchen zu überzeugen, dass es JETZT WIRKLICH ZEIT ist, endlich auch in Österreich nachzuziehen und Kinderschutzkonzepte als „must-have-Qualitätsstandard“ rechtlich verbindlich auf unterschiedlichen Ebenen zu verankern (z. B. in Fördergrundlagen). Und, last but not least, Netzwerke zu schaffen, die Kinderschutz im Fokus haben und auch technische Hilfestellung in Form einer webbasierten Plattform, anbieten. Kinderschutzkonzepte.at ist als Informations-Drehscheibe für alle interessierten Organisationen konzipiert, die sich auf den Weg machen wollen Richtung Kinderschutzkonzept. Und mehr als das, Organisationen können sich auch bewerten lassen, wo sie stehen mit ihrem Kinderschutzkonzept.

 

Wir, die drei Projektpartner*innen sind überzeugt, dass wir einen wichtigen Beitrag leisten, damit Österreich sich künftig hoffentlich stärker an internationalen Kindeschutzstandards und Qualitätskriterien orientiert und diese gesetzlich verankert..

 

 

 

  

 


Autorin:
Mag.a Astrid Winkler, Geschäftsführerin ECPAT Österreich und Gesamtleitung des EU-Projektes SAFE PLACES; langjährige Expertin für Entwicklung und Umsetzung von Kinderschutzkonzepten. Seit 2001 im Kinderschutz tätig.